Gerade aktuell: Abzocke im Internet

Ein jugendlicher Bekannter schrieb mich gerade an, daß er von 99downloads abgezockt wurde. Dort wird ihm unterstellt, unter Angabe falscher Daten einen offensichtlichen Betrugsversuch begangen zu haben. Belegt wird das ganze mit der offensichtlich richtigen IP. Es geht um 60€ zzgl. Mahngebühren. Die Aufforderung sei die letzte außergerichtliche Mahnung. Außerdem würde die Mail auf dem E-Mail-Weg zugestellt werden, weil die postalische Adresse offensichtlich nicht stimmt. Tja, Harry Potter soll nun verklagt werden.

Denn mein Bekannter ist als Jugendlicher völlig zurecht möglichst anonym im Internet unterwegs. Man gibt möglichst nirgends den richtigen Namen an, und erst recht nicht die richtige Adresse oder das Geburtsdatum. Das Recht hat er sich auch bei 99downloads genommen. Auf die entstehenden Kosten wird nur beiläufig am Seitenrand hingewiesen, zwischen irrelevanten und uninteressanten Produktdaten (Name, Hersteller, Sprache etc) und einem riesigen „100% Virenfrei“ Banner. Bitte, wer liest denn da noch den kleinen Text dazwischen? Die ganze Aufmerksamkeit wird auf das großflächige Anmeldeformular links gelenkt – Name, Geburtsdatum, E-Mail und das übliche Blabla mit AGBs, das eh jeder aus Gewohnheit schon anklickt.

99downloads

Als Belohnung gibt es eine E-Mail, die ich nicht gesehen habe, aber an der sicher an prominenter Stelle der Anmeldelink steht und irgendwo weit unten nochmal eine AGB-Textwüste – aber bestimmt kein deutlicher Hinweis auf die entstehenden Kosten und ein Abo über 12 Monate. (Quelle: [1] http://www.verbraucherschutz.tv/internet/99downloadsde)

Widersprüchlich ist bei genauerer Betrachtung:

  1. Das Widerrufsrecht verfällt mit Anklicken des Links. Ich dachte, das wäre 14 Tage in Deutschland?
  2. Die Dienste können erst nach Vorauskasse genutzt werden laut verschleiertem Text auf dem Anmeldeformular. Aha? Aber die E-Mail kam sofort, und das Widerrufsrecht verfällt mit anklicken des Links und der Vertrag wird dadurch gültig? Das ist ja interessant.
  3. War ja klar, daß das sofort in einer Mahnung münden muß. Die Rechnung konnte schließlich nicht postalisch zugestellt werden.

Grundsätzlich empfehle ich hier folgendes, rein prophylaktisch:

  1. Einen Browser verwenden, der solche Seiten vorab über einen Filter prüft und Werbung ausblendet, z.B. Firefox mit AdBlock-Plugin und WOT-Plugin (Web of Trust). [3]
  2. Nicht auf blinkende Werbung gucken und Download-Portalen immer kritisch gegenüber stehen. Lieber den Hersteller ermitteln über Google und Vergleich mehrerer Download-Seiten. Direkt beim Hersteller gibt es die Software dann meist ohne Zwangsregistrierung und kostenlos.
  3. Video-Codecs muß man normalerweise nicht herunterladen. Und den Flashplayer kann meist jeder Browser selbst installieren ohne Link auf bunte Downloadseiten (im Zweifelsfall einen anderen Browser testen).
  4. Das Google-Pack kann einen Haufen nützliche Alltagssoftware in einem Rutsch ohne lästige Zwischendialoge installieren und ohne Angaben von Benutzerdaten und hält diese sogar auf dem aktuellen Stand (naja, zumindest halbwegs). Ist einen Blick wert…

Konkret wäre hier wohl am ehesten folgendes zu empfehlen:

  1. Auf Mahnungen und Inkasso-Schreiben nicht reagieren – vor allem nicht, wenn denen die Postadresse und der richtige Name nicht bekannt ist. Solange keine Aufforderung von Gericht kommt (per Post!, nicht per E-Mail), hat das weder Hand noch Fuß und verläuft sich meist im Sande.
  2. Den E-Mail-Absender blockieren.
  3. Falls man noch nicht volljährig ist, können die Eltern eine Erklärung über die Rückgängigmachung des ungewollten Vertrages fordern – ein angeblich verfallenes Widerrufsrecht ist dann irrelevant.
  4. Keine Sorge wegen der IP – die Kundendaten müssen in einem langen und teuren gerichtlichen Verfahren eingefordert werden bei eurem Provider. Das lohnt den Aufwand meist nicht, so daß die Sache eh im Sand verläuft und außer Drohgebärden nichts passiert.
  5. Im Falle solcher Preisverschleierungstaktiken haben die Kläger keine Chance, euch ans Hemd zu gehen. Die Aussichten auf einen Sieg vor Gericht sind so gering, daß keine kostenverursachenden Verfahren angefangen werden – schon gar nicht für 60€.

Ganz anders sieht es dagegen aus, wenn ihr wissentlich unter Angabe falscher Daten einen kostenpflichtigen Dienst in Anspruch nehmt – nicht auf Mahnungen zu reagieren, ist also kein Freifahrtschein. Es kommt immer auf die Situation und die Vorgeschichte an. Bewahrt deshalb alles auf (E-Mails von der Anmeldung, Screenshots) und holt euch damit eine zweite Meinung ein.

Nachdem das geklärt wäre, möchte ich mir doch in eigener Sache nochmal die Formulierung der Webseite zu Gemüte führen:

Auf 99downloads.de finden Sie 99 der aktuellsten Downloads gängiger Internet Free- und Software. Nach der Anmeldung zu unserem Service steht Ihnen der direkte und indirekte Download der gewünschten Software zur Verfügung. In unserem Angebot finden Sie gängige Internet-Browser, aktuelle Grafik-Programme, lizenzfreie Office-Programme und Medientools. Wir verlinken Sie direkt auf die Seite des Herstellers und stellen Ihnen prägnante Informationen rund um das jeweilige Programm zur Verfügung.

Hust! Ich soll für einen Dienst, der mir 99 Download-Links zu direkt zu den Herstellern bietet 60€ pro Jahr berappen? Mensch, ich könnte richtig Kohle machen, wenn ich auf meiner Seite dafür nur 2€ pro Monat nehmen würde – monatlich kündbar. Tztz…

Weiter bezweifle ich, daß es soetwas wie „lizenzfreie Office-Programme“ gibt. Gemeint ist hier wahrscheinlich OpenOffice, GIMP, Firefox und Co. Und ich bin mir ziemlich sicher, daß diese Software unter einer freien Lizenz wie der GPL oder ähnlich steht – also keineswegs lizenzfrei. Was hier wahrscheinlich gemeint war, aber verschleiert werden sollte: „Entschuldigen Sie, daß wir Sie für diese kostenlose (nicht lizenzfreie) Software um 60€ ärmer machen wollen – aber wir halten Sie einfach für zu dumm und uns zu schlau.“

Psychologisch betrachtet

Hat sich schon jemand Gedanken gemacht, in welche Situation gerade Kinder mit dieser Art Drohungen gebracht werden? Stichworte wie „Gericht“, „Strafverfahren“, „Mahnung“, „zusätzliche Kosten“, „Inkasso“ und Verweise auf Pseudo-Urteile sind nicht gerade das, womit ein Kind gern vor seine Eltern tritt. Alles ist gut genug formuliert, das sogar Erwachsene Probleme haben, die Situation richtig einzuschätzen, aber dennoch verständlich wird, wie „ernst“ die Lage ist. Womöglich wird das Geld noch irgendwie heimlich aufgetrieben, damit die Eltern nichts erfahren und man sie dort nicht auch noch mit hineinzieht. An schlimmere Dinge, die sich ein Kind in einer solchen Situation antun könnte, möchte ich gar nicht denken.

Postscriptum

Bitte geht auf solche Abzockermaschen mit Drohgebärden nicht ein. Tätig werden muß man erst bei einem richterlichen Beschluß. Nehmt keinen Kontakt mit dem Rechnungssteller auf, da dieser oftmals erst dann Euren richtigen Namen und die richtige Adresse erfährt – oder zumindest genug Daten, um das dann rauszubekommen. Eine Beschwerde über die Abzockerei bei der Bank, an welche man auf ein dort geführtes Konto diese Rechnung begleichen soll, kann allerdings helfen. Falls ihr noch nicht volljährig seid, wendet euch an eure Eltern. Diese können den Vertrag außerdem für unwirksam erklären lassen. Bewahrt alles auf, Screenshots, E-Mails, … – so könnt ihr jedem zeigen, wie leicht man abgezockt werden kann und daß es absolut nicht eure Schuld ist.

Die oben genannten Texte stellen meine persönliche Meinung dar und sind aus Wut (da meine Familie auch selbst schon einmal betroffen war) sicher etwas spitz formuliert und sehr zielgerichtet auf 99downloads. Aber der Text läßt sich ganz leicht allgemein auf Abzockfallen im Internet abbilden und gilt daher auch für Hausaufgabenverzeichnisse, Lebenszeitberechnungen, andere kostenpflichtige „Downloadverzeichnisse“, Verkauf geistigen Eigentums Dritter (welche dieses anderweitig kostenlos darbieten, z.B. Opensource, Freeware) ohne jeglichen Eigenaufwand in Form von Support/Druck einer Anleitung/sonstiges Engagement… Die Liste könnte sicher noch einige Zeit so weiter gehen.

Weitere Quellen:

[1] http://www.verbraucherschutz.tv/internet/99downloadsde
[2] http://jugendinfo.de/themen.php/_/28097/abzocke-im-internet.html
[3] https://addons.mozilla.org/de/firefox/

Veröffentlicht in Abzocke, Internet, Jugendliche. Schlagwörter: , . 1 Comment »

Eine Antwort to “Gerade aktuell: Abzocke im Internet”

  1. Der Bekannte Says:

    hallo Hurikhan.. danke dir erstmal für diesen Beitrag.. ja ich muss schon sagen das mir die ganze Sache komisch vorkam, weil allein schon in der zweiten Mail geschrieben wurde (eine Woche nach meiner „Anmeldung“ ) , dass ich mich nicht mehr von diesem Vertrag lösen könnte. (ein paar Zeilen drüber stand, das man in Deutschland [bekanntlich] ein 14 tägiges Kündigungsrecht hat. Dies fand ich in dem Moment schon ein kleines bisschen Wiedersprüchlich.


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